chronik der festivals

Die projektgruppe neue musik bremen e.v. veranstaltet zunächst jährlich, später im Zweijahreszyklus ein Festival mit Tagung zu aktuellen musikalisch - philosophisch - politischen Fragestellungen. Zusammen mit dem Publikum sollen Theorien und Eindrücke an konkreten zeitgenössischen Kompositionen entwickelt und diskutiert werden. Die Verschränkung von Theorie und Praxis verstehen wir als den unverzichtbaren Anspruch der Arbeit der projektgruppe. Gerade in der jetzigen Situation, die durch den Wegfall eindeutiger politischer, weltanschaulicher sowie ästhetischer Positionen gekennzeichnet ist, halten wir es für besonders wichtig, zeitgenössische Musik mit den verschiedenen aktuellen philosophischen Ansätzen und politischen Fragestellungen zu konfrontieren.

1991

JETZT
Das Streichquartett
Im Mittelpunkt des ersten Festivals im März 1991 standen Quartette der 80er Jahre, die auf dem Hintergrund der philosophischen Debatte über Moderne und Postmodeme gehört und diskutiert wurden. ..mehr

1992

DAS EIGENE UND DAS FREMDE
Musik zwischen Aneignung und Enteignung

Das zweite Festival entstand aus der Beobachtung und Erfahrung weltweiter Wanderungs- und Fluchtbewegungen...mehr

1993

AM EIGENEN LEIB JETZT
Für eine andere Wahrnehmung

Auf dem Hintergrund von Beobachtungen über die Entfremdung des Menschen zur Natur thematisierte das dritte Festival im Mai 1993 Veränderungen ästhetischer Wahrnehmung. ..mehr

1994

ZEIT OHNE KRONOS
Eigenzeit in gegenwärtiger Musik

Die Thematik des 4. Musikfestivals im Dezember 1994 stellte – anknüpfend an die vorangegangene – einen weiteren Aspekt „veränderter Wahrnehmung“ in den Mittelpunkt: den der Zeit...mehr

1995

VERSTUMMEN - SPRACHLOS
Präsenz des Schweigens in zeitgenössischer Musik

Ausgangspunkt des 5. Festivals war die auf vielfältige Weise erfahrbare „Präsenz des Schweigens“ (Christoph Wulf) in gegenwärtiger Musik...mehr

1996

„DAS UNGEDACHTE ZU UMREISSEN“
Todesmetaphern in zeitgenössischer Musik
Die Fragestellung des 6. Musikfestivals lässt sich mit einem Zitat von Edmond Jabès beschreiben: „Man denkt nicht den Tod, die Leere, das Nicht-Seiende, das Nichts;..mehr

1997

„TOTAL RECALL“
Erinnern / Vergessen – Speichern / Löschen.
Musik in der Zeit des digitalen Gedächtnisses
Die Frage nach dem Verhältnis von menschlichem Gedächtnis und der technischen Reproduzierbarkeit von Wissen durch immer leistungsstärkere Medien stand im Mittelpunkt des 7. Festivals ..mehr

1998

„DAS ROHE UND DAS GEKOCHTE“
Zur Dialektik von Mythos und Moderne in zeitgenössischer Musik.
Mit dem Thema „Das Rohe und das Gekochte. Zur Dialektik von Mythos und Moderne in zeitgenössischer Musik“ rückte die Frage in den Mittelpunkt,..mehr

1999

TRANSIT
ORTE / NICHTORTE.
Raumerfahrungen in zeitgenössischer Musik 
Man kann gegenwärtig die Auflösung von sog. „anthropologischen Orten“ in „NichtOrte“ (Marc Augé) beobachten, verursacht durch einen doppelten Transit: Zum einen wird der Raum ..mehr

2000

„...HORIZONT...“
Strategien des Eigensinns in zeitgenössischer Musik
„Seit den auf Digitalisierung beruhenden Computercodes haben wir es mit einer neuen Denkart zu tun, die keine prozessuelle, aufklärerische, kritische mehr ist, sondern eine system-analytische, kalkulatorische, komputierende“...mehr

2001

MACHINATIONS / IMAGINATIONS
Musik erfinden mit maschinischen Verfahren
In allen künstlerischen Disziplinen ist heute ein verstärkter Einsatz von „machinischen“ Verfahren (Wortschöpfung von Gilles Deleuze und Félix Guattari) zu beobachten. Sie beziehen sich nicht ausschließlich auf technische Apparaturen,..mehr

2002

REAKTIONEN
Musikalische Konfrontationen mit der politischen Gegenwart
Das zwanzigste Jahrhundert endete mit fundamentalen Kräfteverschiebungen politischer und ökonomischer Art. Ein Fazit, das sich aufdrängt: Der westliche Kapitalismus siegt weltweit...mehr

2004

... AUS DER BEWEGUNG…
AktionenRäumeResonanzen in zeitgenössischer Musik

Im Mittelpunkt des Festivals standen Musikstücke, die die Mehrdimensionalität von KlangRaumZeiten ausloten, abtasten, weiten, stauchen ... Bewegung konstituiert und konkretisiert Räume, eine Erfahrung, die aus vielen zeitgenössischen Musikwerken gewonnen werden kann...mehr

2006

WAS JETZT
Komponieren nach 2000
Der Untertitel suggeriert eine Bestandsaufnahme von Komponieren heute, jetzt, nach 2000. Das mit Großbuchstaben geschriebene Titelwort verrät zugleich eine Emphase:..mehr

2008

REIBUNG UND WIDERHALL
Reibung und Widerhall sind primär zwei auf die musikalische Materialebene konzentrierte Begriffe. Damit arbeitet die projektgruppe neue musik bremen dieses Mal weniger an einem übergeordneten ästhetischen Thema,..mehr

2010

OhrenBlicke

Klangaktionen zeitgenössischer Musik

 

Im Mittelpunkt des Festivals stand die hör- und sichtbare Gestik des Klanges – ihr entsprach der Titel „OhrenBlicke“. Mit der Bezeichnung „Klangaktionen“ wurde das wichtigste verbindende Element bei der Auswahl der Stücke umrissen. Es ging um Aktionen, die mit dem Klang entstehen, ihn „begleiten“, ihn auch beeinträchtigen, um Aktionen letztlich, die unabdingbar mit dem Klang verbunden sind oder sich von ihm lösen – um nur einige wesentliche zu nennen.

Die ausgesuchten Werke, die in fünf Konzerten und drei Podiumsdiskussionen vorgestellt und besprochen wurden, boten eine große Variationsbreite an Konkretisierungen des Themas an, deren historische Referenz das instrumentale Theater Mauricio Kagels, des „Klassikers“ szenischer Komposition, darstellte.

So war es auch konsequent, mit zwei Kagel-Werken, Bestiarium und Repertoire (aus Staatstheater), interpretiert vom TAM-Theater Krefeld unter der Leitung von Pit Therre, das Festival zu beschließen. (In diesem 5. Konzert spielte Hsin Lee noch das Schlagzeug-Stück Le Corps à Corps von Georges Aperghis.)

Innerhalb der farbigen Palette der aufgeführten Werke gab es mehrere, in denen das aktionelle Moment sich auf ein visuell-klangliches „Zubehör“ jenseits üblicher akustischer Instrumente oder Klangträger stützte: auf Pressluftgeigen, Pappe, Weingläser, Flaschen, Milchschäumer usw. Dieser Aspekt wurde noch durch den Einsatz von Elektronik und Zuspielungen akustischen und visuellen Materials verschiedenster Provenienz unterstrichen.

Im Eröffnungskonzert erklangen Stücke von Orm Finnendahl, Maximilian Marcoll, Hans Joachim Hespos, Bernd Thewes und Hainer Wörmann (mit der Improvisationsgruppe KLANK); Interpreten u.a.: das Kairos Quartett (Berlin).

Das 2. Konzert hatte einen Schwerpunkt in drei Werken des Schlagzeugers und Komponisten Matthias Kaul, unterbrochen durch Stücke von Uwe Rasch und Thomas Stiegler (Interpreten hier: Stiegler selbst und Niklas Seidl).

Rasch und Stiegler waren noch ein weiteres Mal im zentralen 3. Konzert, das seinen Schwerpunkt in chorischer Musik hatte, vertreten; weitere chorische Stücke gab es von Jaap Blonk und Trevor Wishart; Interpreten waren das zwölfstimmige Vokalensemble NOVA aus Wien unter der Leitung von Colin Mason und das Frauensextett „Song Circus“ aus Oslo; eine Doppelimprovisation der norwegischen Geiger Kari Rønnekleiv und Ole-Henrik Moe sowie ein elektronisches Stück von Trevor Wishart ergänzten dieses Programm.

Sehr beeindruckend war nicht zuletzt das 4. Konzert mit der Konzertinstallation anregen/übertragen von Kirsten Reese und der Wiedergabe des gut vierzigminütigen Violin-Solo-Stücks Three Persephone Perceptions von Ole-Henrik Moe durch Kari Rønnekleiv.

Als Referenten waren der Regisseur und Musikwissenschaftler Matthias Rebstock sowie der Musikwissenschaftler Michael Rebhahn eingeladen; beide leiteten auch die drei Podiums-diskussionen mit dem Publikum.

2012

Freie Auswahl

Die projektgruppe neue musik bremen bot mit dem Festival 2012 ein Kaleidoskop aus vielfältigen Klangrecherchen, Klangexperimenten und Klangorganisationsmodellen mit einer Fülle von Aspekten an: die Transkription wie auch die Verfremdung von Alltagsklängen; die Kombination solch „gefundener“ oder erzeugter Geräuschklänge mit traditionellen instrumentalen Stimmen; gestaltete oder ungestaltete Bewegungs-Choreographien als Auslöser klanglicher Verläufe; die Nutzung von Alltagsanlässen zur Erstellung von Spielanlässen für Interpreten; mediale Abfälle als symbolische und konkrete Materialverweise in Bezug auf Alltag, Diesseitigkeit und Profanität; die Arbeit an reich konnotierten geräuschhaften Materialien zur Erweiterung differenzierter Spektren und mit all dem Veränderung: Zerstörung oder Neuorganisation von Aktionsklängen, Instrumentengebrauch und kompositorisch-medialen Bezügen.

Solche Phänomene verweisen auf eine Tendenz gegenwärtigen Komponierens: die Arbeit mit konkreten Materialien. Sucht diese Arbeit eine größere Nähe zur Wirklichkeit, zum Leben insgesamt, dem einzelnen wie dem gesellschaftlichen? Wird die alte Dichotomie von Kunst und Leben wieder in Frage gestellt? Es erscheint selbstverständlich, dass auf einem solchen ästhetischen Hintergrund das Geräusch in vielfältiger musikstruktureller Differenzierung ins Zentrum vieler Kompositionen rückt.

Im Programm des Festivals wurden hiermit Schwerpunkte sowohl auf der immanent-strukturellen Ebene als auch der ästhetisch-sozialen gesetzt: Musik, die sich intermedial mit theatralen Aktionen, live oder elektronisch mit Video, Fotografie, Sprache, Bild amalgamiert und Klangwelten aus Alltagszusammenhängen und -aktivitäten kreiert.

Zusätzlich wurden Stücke angeboten, die stärker mit einer Tradition der Avantgarde in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts korrespondieren, jener Tradition, die sich ästhetisch einer das Leben transzendierenden Autonomie verpflichtet fühlt und strukturell die Kategorie des Organischen im Sinne thematischer Prozesse in den Fokus aller kompositorischen Anstrengungen stellt.

In diese Kategorie gehörten auch Werke, die einem Parameter-Denken entspringen, z.B. Klangfarbe, Linie, Bewegung, Räumlichkeit so differenziert wie möglich ausreizen und die damit in Spannung zu Aufführungen mit gebundenen wie ungebundenen Improvisationskonzepten treten, wie sie ebenfalls in den Konzerten zu hören waren.

Aufgeführt wurden Werke von Uwe Rasch, Michael Maierhof, Maximilian Marcoll, Dimitri Voudouris, Hannes Seidl, Daniel Kötter, Julio Estrada, Knut Müller, Martin Schüttler, Stefan Prins, Alain Hilario, Giorgio Netti, Ali Gorji, Lê Quan Ninh, Andreas Dohmen, Iris ter Schiphorst, John Cage und Christoph Ogiermann. Als Interpreten waren das Kairos Quartett, das E-Gitarren-Quartett ZWERM, die Neuen Vocalsolisten, Erik Drescher (Flöte), Cathy Miliken (Oboe), Laura Carmichael (Bassklarinette), Paul Hübner (Trompete), Mark Lorenz Kysela (Saxophon) Angela Postweiler (Stimme), Sebastian Berweck (Klavier) u.a.zu Gast. Referenten und Moderatoren der Gesprächsrunden waren Matthias Rebstock und Björn Gottstein.